•  
    • Results 1
Die Nacht
Die Nacht

Night
1918-19
Oil on canvas
134 x 155 x 2,5 cm
Bez. u. halbl.: "August 18 - März 19 Beckmann"
Inv. Nr. 0140
Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf
Erworben 1963
Foto: Walter Klein, Düsseldorf
© VG Bild-Kunst, Bonn 2015
Commentary
Exhibitions
Literature
Provenance

„Die Nacht“ ist ein Schlüsselbild im Schaffen Max Beckmanns und markiert einen wichtigen Wendepunkt im Œuvre des Künstlers. Das Bild zeigt den Überfall auf eine Familie. Drei Mörder sind in die enge Dachkammer eingedrungen. Einer von ihnen knüpft den Vater am Dachbalken auf. Ein anderer verdreht dem Sterbenden den Arm. Der dritte Mörder hat sich das Kind gegriffen. Ob die an den Händen aufgehängte Mutter vergewaltigt wurde, bleibt ungewiß. Ungewiß ist auch die Rolle der Frau in Rot im Hintergrund des Bildes. Aus den verstreuten Utensilien – Tellern, Kerzen, Tischtuch, Messer – läßt sich schließen, daß vor dem Eindringen der Mörder zu Abend gegessen wurde. Den nächtlichen Zeitpunkt der Szene hat Beckmann durch das Dunkel vor dem Fenster festgelegt und mit dem Titel des Werkes unterstrichen. Dem Betrachter bietet sich aber nicht ein verlassener Schauplatz nach Vollendung der Greueltaten. Er wird stattdessen zum Zuschauer und Zeugen wider Willen. Auf beängstigende Weise sind alle Personen, vor und in dem Bild, in das Geschehen einbezogen. Und, als handele es sich um einen zwanghaften Ablauf wie in einem Traum, vermag keiner etwas dagegen zu tun.

Alle Bemühungen um eine Deutung von „Die Nacht“, das wohl das am häufigsten abgebildete und besprochene Werk Max Beckmanns ist, kreisen um die Entschlüsselung der eigenwilligen Ikonografie. Die Rezeption des Bildes war und ist wesentlich davon bestimmt, die verschiedenen motivischen Vorlagen des Künstlers nachzuweisen. (1) Erst in jüngerer Zeit beschäftigt man sich mit dem Gestaltungskonzept des Künstlers und untersucht beispielsweise das Kolorit der Werke. (2) „Die Nacht“ steht in der Tradition vielfiguriger Kompositionen, zu denen neben Paul Cézannes verschiedenen Versionen der „Badenden“ der Jahre 1894 bis 1906, Henri Matisses „Joie de vivre“, 1906, und Pablo Picassos „Demoiselles d’Avignon“, 1907, gehören. Ähnlich wie Picasso beschäftigte auch Beckmann seit „Junge Männer am Meer“, 1905 (Erhard Göpel/Barbara Göpel (Bearb.), „Max Beckmann. Katalog der Gemälde“, hg. von Hans Martin von Erffa, Bd. I und II, Bern 1976, Nr. 18), zu Beginn des Jahrhunderts die Aufgabe, wie eine vielfigurige Komposition den zeitgenössischen Ansprüchen gerecht werden könne. Trotz der Unterschiede der gefundenen Lösungen ist den an Inhalten und Figuren überquellenden Werken „Demoiselles d’Avignon“ und „Die Nacht“ ein programmatischer Aspekt gemeinsam.

Beckmanns Kunst ist vom Schaffensprozeß her weder eine literarische noch eine Historien-Malerei. (3) Jedes Werk des Künstlers durchläuft einen dialektischen Werdegang. Der Ausgangspunkt, von dem aus Beckmann seine Arbeit beginnt, ist nicht deckungsgleich mit dem Ergebnis. Auch die thematisch gleichwertigen Variationen in den Vorzeichnungen zu „Die Nacht“ bezeugen, daß es Beckmann nicht um die Illustration eines vorgegebenen Inhalts ging.

Für Beckmann bedeutete „Die Nacht“ vor allem den Abschluß eines künstlerisch-stilistischen Wandels. Das Bild markiert die unwiderrufliche Abkehr von der impressionistisch bestimmten Malerei bis 1913/14. In den frühen Arbeiten war die Darstellung von Gewalt Ausdruck der von Friedrich Nietzsche geprägten Vorstellung eines grausamen Vitalismus im ewigen Kreislauf des Entstehens und Vergehens. Der Künstler selbst blieb bei diesen Schilderungen unbeteiligter Beobachter. Aus Unzufriedenheit mit dem eigenen Schaffen und getrieben von den belastenden Erfahrungen als Krankenpfleger im Ersten Weltkrieg, bemühte sich der Künstler unter Beibehaltung der Gegenständlichkeit um einen neuen Stil, den er in hellen Farben, klar konturierten Formen sowie einer neuen Auffassung des Bildraumes sah. 1918 formulierte er sein Ziel als „transzendente Sachlichkeit“ und sprach davon, „dieses schaurig zuckende Monstrum von Vitalität zu packen und glasklarer scharfe Linien und Flächen einzusperren, niederzudrücken, zu erwürgen. ... Ich denke immer nur an die Sache. An ein Bein, einen Arm, an die Durchbrechung der Fläche durch das wundervolle Gefühl der Verkürzung, an die Aufteilung des Raums, an die Kombination der geraden Linien im Verhältnis zu den gekrümmten. An die amüsante Zusammenstellung der kleinen, vielfach verschiedenbeinigen Rundheiten zu den Geradheiten und Flächigkeiten der Mauerkanten und Tiefe der Tischflächen, Holzkreuze oder Häuserfronten. Das Wichtigste ist mir die Rundheit, eingefangen in Höhe und Breite. Die Rundheit in der Fläche, die Tiefe im Gefühl der Fläche, die Architektur des Bildes.“ (4)

Die in „Die Nacht“ gefundene Bildsprache ist an der vom Kubismus ausgehenden Formzersplitterung und Verzerrung der Perspektive angelehnt. Die Komposition ist von spitzen und stumpfen Winkeln, die Bildfläche durchschneidenden Diagonalen sowie auf- und absteigenden Linien bestimmt. Gebildet werden diese Komponenten von der Vielzahl der Figuren und Gegenstände, die in die klaustrophobisch enge Kammer gepfercht sind. Zwei markante Hauptfiguren – der strangulierte Mann links und die gefesselte Frau rechts – gliedern das Werk. Sie bestimmen fast alle Vorzeichnungen (Kunstmuseum Düsseldorf und National Gallery Washington), in denen auch das Motiv des Rhombus, geformt aus der Haltung der Arme beziehungsweise Beine der Frau, und das Fenster mit der Mondsichel vorhanden sind.

Das Kolorit von „Die Nacht“ folgt einem ausgereiften Kalkül. Aus einem einheitlich gehaltenen Untergrund in Beige-Grau treten intensive Partien in Rot, Gelb-Grün, Blau und Violett hervor und bilden ein ausgewogenes Zusammenspiel der einzelnen Tonwerte. So korrespondieren unter anderem mit dem tiefroten Schlund des Grammophontrichters die Farbe des Kleides der Frau im Hintergrund und das Gewand des Kindes rechts. Dessen violettes Hemd antwortet dem gleichfarbigen Schal um den Bauch des Henkers links. Mit der Betonung der lokalen Farbigkeit wie mit der expressiv-überlängten Wiedergabe der Körper verarbeitet Beckmann Muster aus der spätmittelalterlichen Tafelmalerei wie von Rogier van der Weyden oder Mathias Grünewald. Changierende Farbstellungen folgen dagegen italienischen manieristischen Vorbildern wie Pontormo.

Dramaturgisch orientiert sich der Künstler in der diagonalen Ausrichtung des Geschehens vom strangulierten Mann zur gefesselten Frau ebenfalls an Werken Alter Meister wie dem „Triumph der Dalila“, 1636, von Rembrandt im Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt. Derselben Vorlage entlehnt ist auch das Motiv des Mannes, der dem Mann links den Arm verdreht. Die drastische Darstellung von völliger Zerstörung, Willkür und Chaos geht auf die Ikonografie druckgrafischer Blätter der „Desastres de la Guerra“ von Francisco de Goya und auf „The Night“ von William Hogarth zurück. (5)

Die verschiedenen persönlich-biografischen sowie politisch-gesellschaftlichen Sinnebenen von „Die Nacht“ wurden im Rahmen der Düsseldorfer Ausstellung 1997 diskutiert: Aufgrund der für den Künstler ungewöhnlich präzisen Datierung des Bildes – „August 18 – März 19“ am unteren Bildrand – hat man das Werk im Zusammenhang mit den militärischen und politischen Zeitereignissen am Ende des Ersten Weltkrieges gesehen. Der allegorisch-politische Zeitbezug von „Die Nacht“ ist jedoch weniger vom Gemälde als vielmehr von der nach dem Bild entstandenen Umdrucklithografie abzulesen. Beckmann verwendete die Komposition nahezu wörtlich in dem 1919 entstandenen druckgrafischen Zyklus „Die Hölle“. (6)

Der Titel „Die Nacht“ eröffnet eine transzendierende Sinnebene, eine von der Realität abgerückte Bildwelt, die durch Bezeichnungen wie „Mord“ oder „Überfall“ nicht möglich wären. Die gezeigte Dachkammer ist so als eine Erfahrung vor dem Überschreiten der Realität, als Traum oder Alptraum zu verstehen. Unter Beibehaltung der gegenständlichen Bildsprache schuf sich Beckmann mit dieser Verknüpfung für sein weiteres Schaffen die Möglichkeit, allegorische Inhalte umzusetzen. „Die Nacht“ steht am Beginn der bühnenartigen Darstellungen, die im weiteren Schaffen zu einem charakteristischen Merkmal von Beckmanns „Welttheater“ werden.

Die grausame Zerstörung einer Familie in „Die Nacht“ kann darüber hinaus als Anspielung auf das Scheitern von Beckmanns persönlicher Lebensplanung verstanden werden. Denn während der Entstehung des Bildes erlangte das Thema der Geschlechterbeziehung für Beckmann besondere Bedeutung, da Ehe und Familie des Künstlers vor der Auflösung standen.

Vor einem sehr persönlichen Hintergrund symbolisiert „Die Nacht“ für Beckmann den zwanghaften Ablauf des unentrinnbaren Schicksals. Die eindringenden Mörder übernehmen die Funktion von Schicksalsgottheiten, denen die Familie wehrlos ausgeliefert ist. Der Kunst kommen in diesem Zusammenhang meditative und aufklärerische Funktionen zu. Sie dient als Mittel zur Erkenntnis, um sich aus der Ausweglosigkeit zu befreien. „Die Nacht“ führt die Situation des menschlichen Daseins vor, aus der heraus ein Neuanfang beginnen soll.

Die visualisierte Verknüpfung eigener Probleme mit generellen Fragestellungen bleibt für das gesamte Schaffen Beckmanns kennzeichnend. Die Frage nach dem Sinn der ihn umgebenden fremdgewordenen Welt, die aus dem Gleichgewicht geraten war, wurde getragen von der unerschütterlichen Überzeugung, daß nur durch die künstlerische Arbeit eine Lösung zu finden sei. Erst die Darstellung der absoluten Sinnlosigkeit, der schicksalhaften Zwecklosigkeit des Überfalls und Mordes in „Die Nacht“ bieten die Basis für eine neue Sinnfindung.

Mit seiner Herangehensweise grenzte sich Beckmann von dem zwiespältigen Weg seiner künstlerischen Zeitgenossen ab, da er in dem utopischen Potential ihrer Zivilisationskritik die nostalgischen Momente und romantischen Ideale nicht übersehen konnte. Beckmann selbst versuchte, aus anderen Quellen eine Lösung zu finden.

Anette Kruszynski, in: „Einblicke. Das 20. Jahrhundert in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf“, Ostfildern-Ruit 2000, S. 351ff. mit Farbabb. S. 73

(1) Marcel Franciscono, „The Imagery of Max Beckmann's The Night“, in: „Art Journal 33“, 1973; Stephan von Wiese, „Max Beckmanns zeichnerisches Werk“, Düsseldorf 1978; Matthias Eberle, „Max Beckmann. Die Nacht. Passion ohne Erlösung“, Frankfurt a. M. 1984
(2) Ortrud Westheider, „Die Farbe Schwarz in der Malerei Max Beckmanns“, Berlin 1995; Anette Kruszynski, „’... den Menschen ein Bild ihres Schicksals geben ...’, „Die Nacht“ von Max Beckmann“, in: „Max Beckmann. Die Nacht“, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, Ostfildern 1997
(3) Hans Belting, „Max Beckmann. Die Tradition als Problem in der Kunst der Moderne“, München/Berlin 1984
(4) Beitrag zur „Schöpferischen Konfession“, in: „Max Beckmann. Die Nacht“, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf 1997, S. 149
(5) von Wiese, a.a.O.; Eberle, a.a.O.; Kruszynski, a.a.O.
(6) Alexander Dückers (Hrsg.), „Max Beckmann. Die Hölle, 1919“, Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz, Kupferstichkabinett, Berlin 1983