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Vermittlung
Vermittlung

Mediation
1935,116 (P 16)
Watercolor, waxed, and pencil on chalk ground jute
120,5 x 111 cm
Bez. o.l.: "Klee", a.d. Keilrahmen: "1935 p 16 'Vermittlung' Klee"
Inv. Nr. 0038
Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf
Erworben 1960
Aufnahme: Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf
Commentary
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Literature
Provenance

Mit der politisch erzwungenen Entlassung aus der Professur an der Düsseldorfer Kunstakademie 1933 und der folgenden Emigration in die Schweiz begann für Klee eine Zeit der künstlerischen und persönlichen Verunsicherung. 1935 gipfelte diese Krise im Ausbruch einer schweren Krankheit. Bis ins Jahr 1937 machte sich die Lebens- und Schaffenskrise schon im quantitativen Umfang des Werkes deutlich bemerkbar: Während Klee im Jahr 1933 in seinem Werkkatalog 483 Werke verzeichnete, waren es 1935 noch 148, 1936 nurmehr 25. Auch künstlerisch finden sich in dieser Zeit keine nennenswerten Neuerungen. Klee beschränkte sich im wesentlichen auf bereits erprobte Ausdrucksmittel und Formfindungen. Bemerkenswert ist in dieser Zeit allerdings der Hang zu größeren Formaten, die Klee jedoch allzuoft zur Wiederholung älterer Bildideen nutzte. „Vermittlung“ zählt zu den größtformatigen Werken des Künstlers. In seiner formalen Gestaltung geht das Tafelbild zurück auf Aquarelle vom Ende der zwanziger Jahre wie zum Beispiel „atmosphaerische Gruppe in Bewegung“, 1929.276, oder „exotischer Klang“, 1930.28: In diesen Werken hat der Künstler bereits die transparente Überlagerung biomorpher, sich scheinbar unablässig wandelnder Formen erprobt. Klee kommt hier der surrealistischen Vorstellung einer aus dem Unterbewußten schöpfenden, automatischen Handschrift nahe, auch wenn seine Bilder als kalkuliert und bewußt ausponderiert angesehen werden müssen.

„Vermittlung“ zeigt auf hellbraunem Grund drei Gebilde aus ineinander verschlungenen Linienverläufen. Die biomorphen Formen überlagern und durchdringen sich und ergeben schließlich eine einzige abstrakte Gestalt. Unterschiedliche Farben, die sich zum Teil aus zwei sich überlagernden Schichten mischen, füllen die Flächen, die durch die Überschneidungen der Linienverläufe ausgegrenzt werden. Klee hat in diesem Werk die Qualitäten der Aquarelltechnik, ihre Transparenz und ihre Fluidität, auf Jute übertragen. Die rauhe Struktur des Malgrundes hat entscheidenden Anteil an der Bildwirkung. Vergleichbar ist das Tafelbild „Dame Dämon“, 1935.115, das in Klees Werkkatalog unmittelbar vor „Vermittlung“ verzeichnet ist und das auf das Aquarell „Hut, Dame und Tischchen“, 1932.263, zurückgeht. Auch hier finden sich das Netz ineinander verschlungener Linien, die transparente Überlagerung von Aquarellfarben auf Jute und das große Format. Deutlicher ist das Gebilde jedoch als menschliche Figur ausgewiesen: Zwei Augenpunkte und ein herzförmiger Mund bilden ein Gesicht, die Linienverschlingungen formen einen Körper auf dünnen Beinen. (1) Den Verweis auf Menschliches hat Klee in „Vermittlung“ weitgehend abgestoßen: Nur zweimal zwei rote Kreise lassen noch an Augenpaare denken. Das großflächige Aquarell in seiner matten Farbigkeit läßt die künstlerische Erschöpfung spüren, die Klees Werke im Krisenjahr 1935 charakterisiert.

Pia Müller-Tamm, in: „Einblicke. Das 20. Jahrhundert in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf“, Ostfildern-Ruit 2000, S. 530 mit Farbabb. S. 145

(1) Jürgen Glaesemer, „Paul Klee. Die farbigen Werke im Kunstmuseum Bern“, Bern 1976, S. 310