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La tour aux rideaux
La tour aux rideaux

Durchblick auf den Eiffelturm / The Tower with Curtains
1910
Oil on canvas
116 x 97 cm
Bez. u.r.: "r. delaunay" (Eine Inschrift und die Datierung 191? u.M. sind übermalt)
Inv. Nr. 1018
Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf
Erworben 1965 aus einer Spende des Westdeutschen Rundfunks
Erworben 1965 aus einer Spende des Westdeutschen Rundfunks
Foto: Walter Klein, Düsseldorf
Commentary
Exhibitions
Literature
Provenance

In den Jahren zwischen 1909 und 1912 entwickelte Delaunay eine Bildsprache, die über zwei Stadien – eine einleitende destruktive und eine anschließende konstruktive Phase – zur Abstraktion und zur Malerei der reinen Farbe führte. Die Konzeption der neuartigen Bildwelt fand in vier Serien ihren Niederschlag. Im Anschluß an die Praxis der Impressionisten und Paul Cézannes nutzte Delaunay das Prinzip der Serie, um die Entwicklung eines neuen Bildgedankens an einem gleichbleibenden Motiv zu erproben. Während die Fenster-Bilder die eigentlich konstruktive Phase ausmachen und auch beenden, leiteten die Saint-Séverin- und die Cité-Serien die vorangegangene destruktive Periode ein. Diese fand in den Eiffelturm-Bildern ihren Höhepunkt. In diese Reihe gehören weit über 30 Werke, Ölbilder und Arbeiten auf Papier. Der größere Teil entstand in einer ersten Phase zwischen 1909 und 1912, einige weitere, als Delaunay das Thema zwischen 1920 und 1930 wieder aufnahm. Für das Düsseldorfer Bild „Durchblick auf den Eiffelturm“ ist lange Zeit ein Entstehungsdatum um 1910/12 angenommen worden. Innerhalb der Reihe der übrigen, zwischen 1909 und 1912 entstandenen Versionen nimmt das Werk – bedingt durch seine sehr verhaltene Farbigkeit sowie durch das traditionell, ja romantisierend wirkende Vorhangmotiv – eine auffallend singuläre Position ein. Anhaltspunkte, das Gemälde in diesen frühen Zeitraum zu datieren, lieferten unter anderem zwei Studien, eine Kreide- und eine Federzeichnung von 1910, die beide das Vorhangmotiv zeigen. Zudem weist das Gemälde eine übermalte Datierung mit den erkennbaren Ziffern „191“ auf, was eine Datierung um 1910 zuließe. Allerdings ist heute bekannt, daß Delaunay zahlreiche seiner Werke nachträglich datierte und zwar in die Zeit des Konzeptionsbeginns einer Serie und nicht auf das tatsächliche Entstehungsdatum. Aufgrund seiner stilistischen Merkmale wurde der „Durchblick auf den Eiffelturm“ zwischenzeitlich (1) in die spätere Phase der Wiederaufnahme des Themas 1920/22 datiert. Einer neuerlich entdeckten Ausstellungsbesprechung des „Salon des Indépendants“ von 1911 zufolge, in der der Eiffelturm mit Vorhängen erwähnt wird, geht man jetzt wieder von dem früheren Entstehungsdatum aus. (2)

Mit der Darstellung des Eiffelturms bestimmte Delaunay ein Bauwerk zum Bildmotiv, dem aufgrund der technischen Leistung weltweite Beachtung zukam und das schon damals als Symbol der Modernität galt. So sehr der Eiffelturm als geniale Eisenkonstruktion die erfolgreiche Lösung neuartiger technischer Herausforderungen darstellte, verlangte er auch dem Sehen die Bereitschaft zu neuen Erfahrungen ab. Eine geeignete Bildformel für die Umsetzung dieser neuen Seherfahrung findet Delaunay in der Addition verschiedener Blickpunkte: Untersicht, Ansicht und Aufsicht wechseln in rhythmischen Schüben von unten nach oben. Auf dem Düsseldorfer Bild umrahmen massive Wolkenformationen das obere Drittel des Turms. In ihrer Festigkeit und Plastizität scheinen sie aus derselben Substanz wie die dargestellten Bauwerke zu bestehen. Da sie zudem einen den Vorhängen im Vordergrund verwandten Farbton aufweisen, bewirken die Wolkenformationen formal eine Rückbindung des Hintergrundes an die vordere Bildebene. Das in dieser Zone dominierende Vorhangmotiv, mit dem der Betrachter den Ausblick aus einem Fenster assoziiert, mag von Delaunay als Metapher für den Blick auf die von ihm gestaltete neue Bildwirklichkeit verstanden worden sein. In anderen Fassungen der Serie wird die Destruktion des Bauwerks zusätzlich durch die vehemente Aktion der Farben bewirkt. Leuchtende Rottöne etwa verunklären durch ihre Strahlkraft die technische Konstruktion. In wieder anderen Versionen evozieren Farblichtbahnen, die in das Eisengerüst einschneiden, eine scheinbare Entmaterialisierung der Bausubstanz. Auch wenn die Vielzahl der Blickpunkte und die damit zusammenhängende Destruktion des Gegenstandes der Methodik des analytischen Kubismus entsprechen, hebt sich Delaunay allein mit der Motivwahl entschieden von diesem ab. Im Gegensatz zu den traditionellen und eher unspektakulären kubistischen Sujets wählt Delaunay – nicht nur in der Eiffelturm-Serie – ein Motiv des modernen städtischen Raums, der Außenwelt also und der Fernansicht.

Gudrun Liegl-Raditschnigg, in: „Einblicke. Das 20. Jahrhundert in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf“, Ostfildern-Ruit 2000, S. 415ff. mit Farbabb. S. 29

(1) Vgl. Matthew Drutt, „Simultaneous Expressions: Robert Delaunay's Early Series”, in: „Visions of Paris. Robert Delaunay's Series“, Deutsche Guggenheim, Berlin/Solomon R. Guggenheim Museum, New York, 1998, S. 34ff.
(2) Vgl. Pascal Rousseau, „Tour Eiffel”, in: „Robert Delaunay, 1906-1914. De l'Impressionisme à l'abstraction”, Centre Georges Pompidou, Paris 1999, S. 131, Anm. 8