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Erinnerung an einen Garten
Erinnerung an einen Garten

Memory of a garden
1914,7
Aquarell und Bleistift auf Papier auf Karton
25,2/25,5 x 20,2/21,6 cm
Bez. u.r.: "Klee", a.d. Untersatzkarton: "1914.7. Erinnerung an einen Garten"
Inv. Nr. 1289
Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf
1979 Schenkung der VEBA, Düsseldorf
Erworben 1979 Schenkung der VEBA, Düsseldorf 1979
Aufnahme: Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf
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Das Jahr 1914, in dem Klee zusammen mit den Malerkollegen August Macke und Louis Moilliet die berühmte Tunis-Reise unternahm, brachte für seine Kunst wesentliche Neuerungen: Die Entfaltung der Farbe ging einher mit einer entschiedenen Tendenz zur Abstraktion, zur weitgehenden Lösung des Motivs von der gegenständlichen Bindung. Auch wenn „Erinnerung an einen Garten“ in der Literatur zeitlich häufig während oder nach der Tunis-Reise vom April 1914 eingeordnet wird, so ist nach der Chronologie der Werke, die sich aus Klees Tagebuch und seinem Werkkatalog für das Jahr 1914 ergibt, davon auszugehen, daß das Aquarell zu einer Gruppe von insgesamt 25 Werken zählt, die Klee schon vor der Tunis-Reise angefertigt hat. Diese Datierung wird auch durch die Exponatenliste der Klee-Ausstellung in der Galerie Thannhauser in München untermauert, wo Erinnerung an einen Garten bereits im März 1914 ausgestellt war. Das Aquarell gibt deshalb Aufschluß über Klees künstlerische Sprache unmittelbar vor der impulsgebenden Reise nach Tunesien (1).

Die Ränder des aquarellierten Blattes sind mit Ausnahme der gerissenen Partie unten links glatt beschnitten. Auffällig ist, daß die Aquarellfarbe zu den Rändern hin nicht dunkler wird, was darauf schließen läßt, daß Klee das Blatt erst nach dem Ende des Aquarellierens beschnitten hat. Durch die Farben hindurch sind die Bleistiftlinien einer Vorzeichnung zu erkennen. Das Aquarell weist eine irreguläre Rasterstruktur aus ineinander verlaufenden Rechtecken unterschiedlicher Größe in den Farben Grün, Blau, Violett sowie Orange, Ocker und Braun auf. Diese bilden die Folie für weitere Belebungen der Fläche mit Kreuzen, Kreisen, Strichen und Punkten, die sich vor allem in der mittleren und oberen Zone des Blattes sammeln. Klee verzichtete weitgehend auf konkret benennbares Abbildliches. Nur am rechten Bildrand läßt sich ein Baum mit Stamm und Ästen vage ausmachen. Aus der Kombination der Elemente entsteht ein locker geordnetes Gebilde, das die Vorstellung von einem Garten erweckt.

1913 hatte Klee dank seiner Auseinandersetzung mit dem Kubismus Zeichnungen und Radierungen ungegenständlich angelegt; gleichzeitig begann er erste Versuche mit der Farbe, die sich zunächst allerdings noch an Naturvorlagen hielt. Erst zu Beginn des Jahres 1914 unternahm es Klee, eine größere Anzahl seiner Bilder ganz aus der Farbe, weitgehend ohne gegenständliche Bindung, zu entwickeln. Wegweisend hierfür war die Erfahrung der orphistischen Farb- und Formrhythmisierung Robert Delaunays. Klee hatte dessen Fensterbilder auf seiner Paris-Reise im April 1912 kennengelernt und dessen Aufsatz „Über das Licht“ ins Deutsche übertragen. Bei Delaunay fand Klee „den Typus eines selbständigen Bildes, das ohne Motive aus der Natur ein ganz abstraktes Formdasein führt“, wie er in einer Ausstellungskritik 1912 schrieb (2). Seine „Erinnerung an einen Garten“ hat Klee in diesem Sinne in eine weitgehend abstrakte Bildordnung aus Farben- und Flächenformen überführt, was der Künstler auch durch den Zusatz „abstractes Aquarell“ neben dem Titel in seinem Werkkatalog anzeigte. Dieser Begriff taucht erstmals gegen Ende des Jahres 1913 in drei Titeln auf; neunmal findet er sich dann in Titeln oder Titelzusätzen des Jahres 1914, davon fünfmal mit Bezug auf Aquarelle. Eine ausführliche Definition gibt Klee erst in seiner Bauhauszeit. In „Exakte Versuche im Bereich der Kunst“ bestimmt er: „Als Maler abstract sein heißt nicht etwa abstrahieren von natürlichen gegenständlichen Vergleichsmöglichkeiten, sondern beruht, von diesen Vergleichsmöglichkeiten unabhängig, auf dem Herauslösen bildnerisch reiner Beziehungen. ... Bildnerisch reine Beziehungen: Hell zu Dunkel, Farbe zu Hell und Dunkel, Farbe zu Farbe, Lang zu Kurz, Breit zu Schmal, Scharf zu Stumpf, Links – Rechts, Oben – Unten, Hinten – Vorn, Kreis zu Quadrat zu Dreieck.“ (3) In „Erinnerung an einen Garten“ ist Klees Abstraktionsstreben, die Suche nach reinen Farb- und Formbeziehungen, kombiniert mit „Erinnerung“, ein Begriff, den Klee in seinen Tagebuchaufzeichnungen des Jahres 1915 mit dem Abstrakten in Zusammenhang bringt. Dort findet sich die für sein Kunstverständnis fundamentale Programmatik bezogen auf das Ereignis des Ersten Weltkrieges und die Möglichkeiten einer die Gegenwart transzendierenden Kunst: „Somit bin ich ‚abstract mit Erinnerungen’“ (4). Doch offenbar hat Klee schon vor dieser Tagebucheintragung Werke geschaffen, die eine entsprechende Programmatik zum Ausdruck bringen. Erinnerung benennt nicht nur die gegenständlichen Relikte seiner Bilder, sondern verweist auch auf die Struktur des künstlerischen Aktes selbst, „der sehr viel gemein hat mit den Prozessen des Unbewußten, des Vorbewußten, mit Prozessen des Traumes, des Vergessens und des Erinnerns“ (5). „Erinnerung an einen Garten“ wäre demnach eine „Reflexion über künstlerische Arbeit und Bilderfahrung überhaupt“ (6).

Pia Müller-Tamm, in: „Einblicke. Das 20. Jahrhundert in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf“, Ostfildern-Ruit 2000, S. 515f. mit Farbabb. S. 62

(1) Vgl. Regula Suter-Raeber, „Paul Klee: Der Durchbruch zur Farbe und zum abstrakten Bild“, in: Ausst.-Kat. „Paul Klee. Das Frühwerk 1883-1922“, Städtische Galerie im Lenbachhaus, München 1979/80, S. 132
(2) „Die Alpen“, 1912/13, Jg. VII, H. 4, Dez. 1912, zit. n. „Paul Klee. Schriften“, hg. von Christian Geelhaar, Köln 1976, S. 108
(3) Zuerst 1928 veröffentlicht, zit. n. „Paul Klee. Das bildnerische Denken“, hg. von Jürg Spiller, Basel 1971, S. 72
(4) „Paul Klee, Tagebücher 1898–1918“, Stuttgart/Bern 1988, S. 366
(5) Richard Hoppe-Sailer/Norbert Rath, „Auf der Suche nach einer verlorenen Natur: Unmittelbarkeitshunger, Exotik, "Entartete Kunst" - Das Beispiel Paul Klee“, in: „Das Kunstwerk und die Wissenschaften. Über die unterschiedliche Art sich ein Bild zu machen“, hg. von Michael Bockemühl/Uta Mischke/Ulrich von Gizycki, Stuttgart 1994, S. 32
(6) Ebenda