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Kamel (in rhythm. Baumlandschaft)
Kamel (in rhythm. Baumlandschaft)

Camel (in a rhythmic landscape of trees)
1920,43
Ölfarbe und Feder auf Kreidegrundierung auf Gaze auf Karton, rückseitig unvollendete Farbstudie
48 x 42 cm
Bez. u.r.: "Klee 1920.43.", verso: unvollendete Farbstudie
Inv. Nr. 1030
Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf
Erworben 1966 aus einer Spende des Westdeutschen Rundfunks
Erworben 1966 aus einer Spende des Westdeutschen Rundfunks
Aufnahme: Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf
Text zum Werk
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Literatur
Provenienz

Die Tafelbilder der Nachkriegszeit markieren am Beginn der mittleren Schaffensphase einen qualitativen Höhepunkt in Klees Werk. 1919/20 entstand die Gruppe der „rhythmischen Baumlandschaften“. Neben „Kamel (in rhythm. Baumlandschaft)“ zählen die Werke „Rhythmie der Fenster und Tannen“, 1919.204, „Rhythmie herbstlicher Bäume“, 1920.40, „Rhythmische Baumlandschaft“, 1920.41, sowie einige zum Teil anders betitelte Werke in diese Gruppe. All diese Tafelbilder sind aufgebaut aus sich rhythmisch wiederholenden irregulären geometrischen Grundformen. Die Bildfläche von „Kamel (in rhythm. Baumlandschaft)“ ist durch feine, dunkle, parallel geführte Linien strukturiert. In die dadurch entstehenden Horizontalstreifen unterschiedlicher Breite sind kreisrunde Formen auf senkrechten Schäften eingefügt. Diese vertikalen Gliederungselemente unterteilen die dominanten Horizontalstreifen, so daß einzelne Felder entstehen, die unterschiedlich farbig gefüllt sind. Unmittelbar assoziiert der Betrachter eine Landschaft mit Bäumen. Da die vertikalen Elemente in ihrer Anordnung gegeneinander verschoben sind, entsteht der Eindruck einer allseitigen Ausdehnung des Bildfeldes; das Bild erscheint als Ausschnitt aus einer unbegrenzt fortsetzbaren Struktur. In diesem Aufbau ist „Kamel (in rhythm. Baumlandschaft)“ den reinen Landschaftsgemälden „Rhythmische Baumlandschaft“ und „Rhythmie herbstlicher Bäume“ nahe verwandt. Nun fügt sich jedoch ein Tierkörper in die Baumrhythmen ein: Je zwei Dreiecke für die Ohren und die Höcker, zwei Kreise für die Augen, eine Senkrechte mit geschwungenem Ende für den Schwanz, vier Streifen für die Beine werden durch eine dunkle Umrißlinie zu einer Gesamtform geschlossen. Obwohl das Kamel in der Bildmitte plaziert ist, dominiert es das Bildganze nicht; vielmehr scheinen die Landschaftselemente durch den Tierkörper hindurch und machen ihn auf diese Weise zu einem integralen Teil der Landschaft.

Mehrere Autoren fühlten sich aufgrund der Verbindung linearer und kreisförmiger Elemente in „Kamel (in rhythm. Baumlandschaft)“ an Musiknoten erinnert. Die Analogien zur Musik sind in Klees Œuvre vielfältiger Natur; in einer Reihe von Werken ließ er sich auch von der grafischen Form von Partituren oder einzelnen Notationszeichen anregen. Christiane Dessauer-Reiners weist jedoch darauf hin, daß die Assoziation mit Musik hier nicht nur auf der Ähnlichkeit mit Notenzeichen beruhe, sondern daß sich der Eindruck des Rhythmischen direkt aus dem Zusammenwirken polarer Kräfte ergebe. (1) In seiner 4. Vorlesung am Bauhaus, gehalten am 16. Januar 1922, hat Klee das Rhythmische durch den Hauptgegensatz „dividuell – individuell“ gefaßt. Dividuell, eine Wortschöpfung Klees, heißt „teilbar“. Der dividuelle oder strukturale Rhythmus ist in seinem niedrigsten Entwicklungsgrad definiert als „Addition von reinen Einheiten nach einer linearen Richtung“. (2) Darauf aufbauend können sich verschiedene Differenzierungen der repetitiven Struktur in eine oder mehrere Richtungen ergeben. Der dividuelle Rhythmus im Bildnerischen ist dem Takt im Musikalischen verwandt. Hiervon unterscheidet Klee den individuellen Rhythmus, den er nur negativ bestimmt: Er wiederholt nicht gleiche Einheiten. Während strukturale Rhythmen keinen organischen Charakter haben, betont Klee: „Jeder Organismus ist ein Individuum. Das heißt, man kann von ihm nichts wegnehmen, ohne das Ganze in seinem Charakter zu ändern oder, bei lebendigen Wesen: die Funktion des Ganzen zu stören oder gar zu unterbinden.“ (3) Der individuelle Rhythmus verweist auf Begriffe wie Ganzheit, Gesamtgestalt, Proportion. Beide Rhythmusarten stehen in einer dialektischen Beziehung zueinander, wobei der dividuelle Rhythmus die Norm anzeigt, während der individuelle Rhythmus als Abweichung in Erscheinung tritt.

Schon bevor Klee diese theoretische Unterscheidung vornahm, experimentierte er in seinen Kompositionen der Jahre 1919/20 mit rhythmischen Elementen. In „Kamel (in rhythm. Baumlandschaft)“ hat Klee das „Individuum“ des Kamels in eine dividuell-rhythmische Struktur eingebunden. Dabei erfährt der strukturale Rhythmus der ausgedehnten Baumlandschaft durch den Organismus des Tieres eine gewisse Störung: Der horizontale Streifen verbreitert sich an dieser Stelle, und auch farblich wird diese Partie hervorgehoben. Umgekehrt hat das Kamel an der dividuellen Rhythmisierung der Landschaft teil: Diverse Unstimmigkeiten seines Körperbaus (die Höcker sitzen beispielsweise zu tief, beide Augen des im Profil dargestellten Tieres sind nebeneinander zu sehen) erklären sich aus den formalen Vorgaben. Beide Rhythmusarten nähern sich hier also einander an, bleiben aber als Elemente des künstlerischen Zusammenspiels voneinander unterscheidbar. (4)

Pia Müller-Tamm, in: „Einblicke. Das 20. Jahrhundert in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf“, Ostfildern-Ruit 2000, S. 524f. mit Farbabb. S. 64

(1) Christiane Dessauer-Reiners, „Das Rhythmische bei Paul Klee. Eine Studie zum genetischen Bildverfahren“, Worms 1996, S. 142
(2) „Paul Klee, Beiträge zur bildnerischen Formenlehre“, hg. von Jürgen Glaesemer, Basel/Stuttgart o. J. (1979), S. 42
(3) Ebenda, S. 47
(4) Christiane Dessauer-Reiners, „Das Rhythmische bei Paul Klee. Eine Studie zum genetischen Bildverfahren“, Worms 1996, S. 143